Das Haus von Theodors Vater

Seenlandentdecker Michael
Episode 4 der Reise durch die Kulturerbe-Orte

In seinem Buch „Meine Kinderjahre“ beschreibt Theodor Fontane den letzten Besuch bei seinem Vater Louis Henri. Im Sommer 1867 gehen die beiden noch am Hang über dem Häuschen spazieren, essen gemeinsam Kalbsbrust, scherzen und reden über dies und das. Als Theodor im Oktober desselben Jahres wieder nach Schiffmühle kommt liegt sein Vater bereits in Neutornow begraben.

01. Mai 2021
  • © TMB-Fotoarchiv/ Steffen Lehmann

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„Er wohnte damals, schon zehn oder zwölf Jahre lang, in der Nähe von Freienwalde, und zwar in einer an der alten Oder gelegenen Schifferkolonie, die den Namen ›Schiffmühle‹ führte und ein Anhängsel des Dorfes Neu-Tornow war. Vereinzelte Häuser waren da, in großen Abständen voneinander, an dem träg vorüberschleichenden und von gelben und weißen Mummeln überwachsenen Flusse hin, während sich unmittelbar hinter der Häuserreihe ziemlich hohe, hoch oben mit einem Fichtenwalde besetzte Sandberge zogen. Genau da, wo eine prächtige alte Holzbrücke den von Freienwalde her heranführenden Dammweg auf die Neu-Tornowsche Flußseite fortsetzte, stand das Haus meines Vaters. Von welchen Erträgen er es erstanden hatte, weiß ich bis diesen Tag nicht, denn als er es kaufte, war er nicht eigentlich mehr ein Mann der Häuserkaufmöglichkeiten, wenn das erstandene Haus auch freilich nur ein bescheidenes Häuschen war.“

Nach gut anderthalb Kilometern, von Louis Henris letzter Ruhestätte am Fuß der Neutornowewr Kirche, entfernt, erreichen wir in Schiffmühle das ehemalige Wohnhaus des Apothekers. Das Fontane-Haus gilt als einer der wenigen verbliebenen authentischen Lebenspunkte der Fontanes. In dem, um 1800 errichteten, kleinen Fachwerkhaus lebte Louis Henri mit seiner Haushälterin Louise Papke bis zu seinem Tode. Obwohl Theodor Fontane sie als einfältig beschrieb, zog sein Vater sie in den letzten Lebensjahren seiner Ehefrau vor.

Fontanehaus in Schiffmühle, Museum bei Bad Freienwalde, Oderbruch, Seenland Oder-Spree, TMB Fotoarchiv_Steffen Lehmann
© TMB Fotarchiv_Steffen Lehmann

Anlässlich Theodor Fontanes 200. Geburtstags wurde das Haus 2019 mit einer neuen Dauerausstellung wiedereröffnet. Die Innenräume des Hauses wurden umgestaltet und zeigen jetzt eine zeitgemäße Präsentation der Lebensumstände des Schriftstellervaters und seiner Haushälterin. In der Fontane-Stube finden wir Informationen zum Verhältnis von Vater und Sohn, zu Louis Henris Jahren in Schiffmühle sowie zu Theodors Besuchen und deren literarische Verarbeitung. Der zweite Hauptraum, die Schiffmühle-Stube, ist der Insel Neuenhagen, den Ortsteilen Schiffmühle, Neutornow und Gabow sowie der Funktionsweise von Schiffmühlen gewidmet. Einst lag eine solche in unmittelbarer Nähe des Hauses in der Alten Oder. Ein hölzernes Modell können wir im Haus besichtigen und Kinder können derweil mit einer kleinen Schiffmühle auf dem Wasserspielpatz im Garten spielen. Exponate aus seiner Zeit als Apotheker sehen wir in der Louis Henri-Kammer. Ein weiterer Raum ist der Haushälterin Louise Papke gewidmet. Er bietet Einblicke in die ländliche Hauswirtschaft des 19. Jahrhunderts. So wie einst Vater und Sohn können wir hinter dem Haus den Hang hinaufsteigen und im Schatten von „Poseidons Fichtenhain“ ausruhen. Dort oben zitierte Theodor zur Freude seines Vaters aus Schillers „Die Kraniche des Ibykus“ eben jene Zeilen: „Schon winkt auf hohem Bergesrücken Akrokorinthdes Wandrers Blicken, und in Poseidons Fichtenhain Tritt er mit frommem Schauder ein.“

Wer auf Fontanes Spuren in Neutornow, Schiffmühle und Bad Freienwalde wandeln will, dem sei das kleine Bändchen „Spaziergang mit Theo F.“ empfohlen. Es enthält Beschreibungen des Dichters aus seinen Besuchen in der Region. Im Fontane-Haus und in der Tourist-Info Bad Freienwalde ist es erhältlich.

Weitere Informationen über das Oderbruch Museum und das Kulturerbe im Oderbruch finden Sie hier.

Seenlandentdecker Michael

Seenlandentdecker Michael

Michael Anker, freiberuflicher Fotograf und Texter. In meiner Kindheit verbrachte ich viele glückliche Sommer bei meinen Großeltern im Oderbruch. Die Landschaft mit ihrem weiten Blick, die Ruhe und die Faszination des großen Flusses haben mich seitdem nicht mehr losgelassen. Derzeit bin auf der Suche nach den Spuren kulturellen Erbes der Menschen entlang der Oder.