© Seenland Oder-Spree / Florian Läufer

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auf eine Reise in das Oderbruch

Eine Decke aus Papier

Episode 8 der Reise durch die Kulturerbe-Orte

09. September 2021

Nun geht es hinein, tief ins Bruch zu den Oderbruchdörfern. Die Stadt Wriezen haben wir hinter uns gelassen und erreichen nach etwa sechs Kilometern, unser nächstes Ziel Altwriezen. Dort gibt es das Paradox eines Kulturerbe-Orts, der noch nicht vorhanden ist: eine geplante Ersatzkirche.

Dorfkirche Altwustrow Oderbruch© Michael Anker

Altwriezen, ein Rundlingsdorf existierte schon Jahrhunderte vor der Trockenlegung, als eines der vier alten Fischerdörfer des mittleren Oderbruchs. Sie sind an der Vorsilbe „Alt“ zu erkennen: Altmädewitz, Altreetz, Altwriezen und Altwustrow. Überlieferungen beschreiben sie als „von gewaltigen, häuserhohen, aus Kuhmist aufgeführten Wällen umzingelt, die ihnen Schutz vor Wind und Wetter und vor den Wasserfluten im Winter und Frühling gewährten, und den Sommer über zu Kürbisgärten dienten“. Theodor Fontane fand diese Aufzeichnungen und ergänzte, „dass die alten wendischen Bruchdörfer den noch jetzt existierenden Spreewalddörfern mutmaßlich sehr ähnlich gewesen wären“. Da das Bruch zweimal jährlich vom Hochwasser der Oder monatelang überflutet wurde, sei der Handel und die Kommunikation zwischen den Bruchdörfern und den Höhendörfen, sowie den Städten, ausschließlich, wie im Spreewald, mit Kähnen organisiert gewesen. Wenig begeistert zeigten sich die alten Fischerfamilien später von der Abtrennung der Stromoder durch die Eindeichung unter Friedrich dem Großen, fürchteten sie doch um die Grundlagen ihrer Existenz. Die leichte „Ernte“ der reichen Fischbestände der Sumpf- und Fließlandschaft waren ihre Lebensgrundlage. Die folgenden Jahrhunderte wandelten jedoch die Fischer erfolgreich in Bauernfamilien um. Dieser Wandel zeigt trotz der darin enthaltenen Ambivalenz, die enorme Anpassungsfähigkeit des Menschen.

Während dieser Zeit war Altwriezens, im Jahr 1630 eingeweihte, Fachwerkkirche Zentrum und Wahrzeichen des Dorfes. Sie überstand mehrere Hochwasser, aber nicht die Zeit der DDR. Für die Instandsetzung fehlten der Kirchengemeinde Geld und Material und so wurde der Fachwerkbau im Jahr 1973 nach einem Sturm wegen Baufälligkeit abgerissen. Seit 2015 bemühen sich die zwanzig Mitglieder des Fördervereins „Kirche Altwriezen-Beauregard e.V.“ um den Wiederaufbau der Kirche. Vorerst soll ein Glockenturm errichtet werden, der unter anderem die drei erhaltenen Glocken der alten Kirche aufnimmt. Sie hängen zurzeit in einem Glockenschauer neben den Fundamentresten der ehemaligen Kirche. „Der Turm soll etwa zehn Meter hoch werden und einen Grundriss von vier mal sechs Meter haben“, erklärt Peter Sperr, Ortsvorsteher und Mitglied des Fördervereins. Er soll vor allem eine Begegnungsstätte der Dorfgemeinde werden. Derzeit sammelt der Förderverein Spenden zur Finanzierung des Bauvorhabens. Die Mitglieder sichern auch alte Baumaterialien die später wieder Verwendung finden sollen.

Ersatzkirche Altwriezen Oderbruch© Michael Anker

Auf kurzem Weg erreichen wir, in einem weiteren Altdorf, den nächsten Kulturerbe-Ort: Altwustrow. Wustrow leitete sich wohl aus dem Polarabischen beziehungsweise Altslawischen ab und bedeutet soviel wie Flussinsel oder eine von einem Sumpf umgebene Erhebung. Altwustrow hat einige denkmalgeschützte Gebäude und die zum Kulturerbe-Ort erklärte Fachwerkkirche. Im Gegensatz zu der verschwundenen Kirche von Altwriezen befindet sie sich augenscheinlich in einem ganz passablen Zustand. Allerdings trügt der schöne Schein, denn die Kirche ist, obwohl mehrfach saniert, von aufsteigender Feuchtigkeit bedroht. „Das Besondere an dieser Kirche ist, dass sie sich im Originalzustand befindet“, sagt Dr. Udo Schagen bei einer Besichtigung. Der Medizinhistoriker und Wahlaltwustrower kennt die Geschichte des Bauwerks und weiß, dass sie gegen den Willen der Obrigkeit von den Bauern selbst gebaut wurde. Die damals dreizehn Altwustrower Familien wollten eine eigene Kirche, wie sie die Neudörfer nach der Trockenlegung bekamen. Dieses Ansinnen wurde vom Preußischen Staat abgelehnt, also nahm man die Sache selbst in die Hand und errichtete einen „Schwarzbau“. Das im Jahr 1789 eingeweihte klassizistische Bauwerk war zunächst eine turmlose Saalkirche. Erst 1832 wurde der Turm angebaut. Da das Dorf weit ab im Bruch lag, dauerte es längere Zeit bis die Obrigkeit Wind von dem Bau bekam und den Abriss forderte. Dem verweigerten sich die Bauern und brachten stattdessen eine Tafel mit der Inschrift an: „Gott zu Ehren hat eine christliche Gemeine nehmlich Alltwustrow Anno 1789 dießes Gottes Hauß aus ihren eigenen mitteln Neu erbauet“. Der Streit mit der Obrigkeit wurde durch einen Kontrakt beendet, der die Altwustrower Bauern auf alle Zeit verpflichtete, selbst für den Unterhalt der Kirche zu sorgen. Das Eigentum der Bauern an der Kirche führte dann auch in der jüngeren Geschichte zu einer Kuriosität, nämlich, dass sie durch die Kollektivierung in den 1950er Jahren plötzlich an die örtliche LPG fiel. Diese hatte keine sakrale Verwendung für das Gebäude und wollte es in einen Schafstall umwandeln. Durch die Übergabe an die brandenburgische evangelische Landeskirche wurde dieses Vorhaben allerdings abgewendet. Verschiedenste Sanierungen in den Jahrzehnten zuvor bewahrten die Kirche vor dem Verfall. Im Jahr 2001wurde sie zudem mit Hilfe hydraulischer Pressen um 15 Zentimeter angehoben. Im Laufe der Zeit war das äußere Fachwerk deutlich abgesackt, sodass die Decke bereits die Orgel berührte. Diese Sanierung zog sich bis 2007 hin. Inzwischen lässt die aufsteigende Feuchtigkeit erneut den Kalk rieseln.

Ein Besuch des äußerlich, für eine Kirche, eher bescheidenen Kulturerbe-Ortes lohnt nicht nur wegen seiner spannenden Entstehungsgeschichte, sein Inneres hält einige Überraschungen bereit. Der barocke Kanzelaltar (Bauernbarock), die Empore und das Gestühl stammen aus der Bauzeit. Der kürzlich renovierte Taufengel ist wohl noch älter. Eine im norddeutschen Raum sehr seltene handbemalte Papierdecke wird auf das Jahr 1873 datiert. Aus drei früheren Fassungen wählte der Denkmalschutz bei der Restaurierung eine aus dem 19. Jahrhundert. Udo Schagen weist auf eine weitere Besonderheit hin, auf die in der Kirche noch sichtbare damalige Hierarchie der Altwustrower. Es gab eine Sitzordnung wie bei Adligen, obwohl es im Dorf keine Adligen gab. Die Männer, reiche Bauern und ihre Söhne, saßen von den Frauen getrennt in Logen, die Frauen in der Mitte und das gemeine Gesinde saß oben. Heute sind die Sitze der Kirche, wie in so vielen Brandenburgischen Kirchen, nur noch zu Weihnachten oder bei Veranstaltungen besetzt.

Weitere Informationen über das Oderbruch Museum und das Kulturerbe im Oderbruch finden Sie hier.

Seenlandentdecker Michael

freiberuflicher Fotograf und Texter

In meiner Kindheit verbrachte ich viele glückliche Sommer bei meinen Großeltern im Oderbruch. Die Landschaft mit ihrem weiten Blick, die Ruhe und die Faszination des großen Flusses haben mich seitdem nicht mehr losgelassen. Derzeit bin auf der Suche nach den Spuren kulturellen Erbes der Menschen entlang der Oder.

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